02.06.2009
Sinfonie der Heckenrosen
Jeder mag Rosen. Ich kenne jedenfalls niemanden, der Rosen nicht schätzt. Anders steht es mit ihren armen Verwandten, die oft völlig unbeachtet am Strassenrand blühen und wundervoll duften. Sie tragen natürlich einfachere Kleider, bloss fünf Blättchen pro Blüte und können es von daher nie mit ihren vornehmen und verwöhnten Schwestern in den Gärten aufnehmen. Aber ich liebe sie halt.
Und jetzt ist ihre Zeit: die Zeit der Heckenrosen. Eine Sinfonie in allen Rottönen, in Gelb und Weiss. Manche grösser, manche kleiner. Eine kleine, die ich sehr bewundere, ist im Grunde eine besonders grosse. Sie überwächst nämlich ein ganzes Haus, und die Frau, die darin wohnt, sitzt nun stolz auf ihrem Balkon inmitten eines Meers von rosa Blüten: Ein Collier, das den kostbarsten Schmuck der Juweliere in den Schatten stellt.
Pflege brauchen sie keine. Höchstens dass man sie ein wenig zurückstutzen muss, wenn sie drauf und dran sind, die Strasse zu überqueren. Mein Nachbar tat das ausgerechnet zur Zeit der Blüte. Einer Gartenrose wäre eine solche Misshandlung kaum passiert. Sie ist eine Diva, die ständig hofiert werden will. Immer hungrig auf teuren Dünger und anfällig gegen Schädlinge und Krankheiten aller Art, braucht es manchen gärtnerischen Kniefall, bevor sie ihren Untertan gnädig mit ihren hoch gezüchteten Blüten belohnt.
Die Heckenrose dagegen erwartet nichts und spendet freigiebig ihre Pracht. Unverdrossen blüht sie bei Regen und Sonnenschein. Nur pflücken lässt sie sich nicht gern. Die Gefangenschaft verträgt die zarte Wilde nicht. Das ist wieder mehr etwas für ihre domestizierte Verwandte, die stolze Rose, die eitel genug ist, sich auch noch in einer Vase wohl zu fühlen. Hauptsache, sie wird gebührend bewundert.
Vergnügt gehe ich durch die Strassen und sehe sie mir überall zuwinken: meine Freundinnen – die Heckenrosen.
