10.06.2009
Casting fürs Leben
Die Sätze, die ich heute am meisten höre, lauten: «Du bist raus!» und «Sie müssen leider gehen!» Gesprochen werden sie von TV-Juroren, deren Kompetenz niemand in Frage stellt, und sie richten sich an Sänger, Köche, Coiffeure, Models und sonstige Berufsgattungen, die sich neuerdings zum Spass benoten lassen, als wären sie noch in der Schule. Sie üben sozusagen schon mal den Rausschmiss, der im Berufsalltag bitterer Ernst zu werden droht.
Denn dort sind diese Sätze ebenfalls immer häufiger zu hören und gesprochen werden sie von Chefs, deren Kompetenz ebenfalls niemand in Frage stellt oder in Frage zu stellen wagt. Der Stil aber ist derselbe. Die Unterhaltungsbranche und die Arbeitswelt werden sich immer ähnlicher. Schnoddriger Zynismus hier wie dort.
Ich frage mich ja nur, wie das anfing und wo. War das Fernsehen zuerst? Haben sich die Chefs die Shows zum Vorbild genommen? Oder lief es genau umgekehrt? Jedenfalls ist es ein Spiel mit der Ausgrenzung. Die Arbeit wird zum Leistungssport. Schwächere werden nicht mehr integriert, weil nur der Stärkste (oder der grösste Bluffer?) brauchbar ist. Und dies auch nur auf Zeit. Denn kaum wachsen Jüngere nach, heisst es für die Älteren ebenfalls: «Du bist raus!» oder «Sie müssen leider gehen!»
Aber das ist heute offenbar nicht mehr ein Grund zur Empörung, sondern beste Unterhaltung.
