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 SPUREN Weblog von Christine Steiger
 
18.08.2009
Anselm Grüns Gütesiegel

Der Benediktinerpater Anselm Grün ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Seine unzähligen Bücher erreichen Millionenauflagen und sind in viele Sprachen übersetzt. Er selbst sieht aus wie eine Märchenfigur. Er wäre die ideale Besetzung für Dumbledore, den Schulleiter in Harry Potters Zaubererinternat: Er trägt einen langen grauen Bart und strahlt eine enorme meditative Gelassenheit und Güte aus. Auf Letzteres legt er auch am meisten Wert. Sollte er im Alter dement werden und die Fähigkeit verlieren sich auszudrücken, hofft er, dass er trotzdem noch Güte auszustrahlen vermöge. Ein frommer Wunsch. Aber setzt diese Hoffnung nicht voraus, dass ein Teil der eigenen Persönlichkeit noch intakt wäre? Ich weiss es nicht. Aber ich denke, die Angst vor Alzheimer und verwandten Krankheiten besteht gerade darin, dass man nicht mehr der Mensch ist, der man einmal war.

Ob sie in der Erkrankung ihres Mannes einen Sinn zu erkennen vermöge, ob sie nicht auch einen Segen gebracht habe, fragte Anselm Dumbledore die Gattin des Literaturprofessors Walter Jens, der seit Jahren an Alzheimer dahinsiecht und sich nicht mehr zu artikulieren vermag, in der Sendung «Sternstunde» des Schweizer Fernsehens. Ich glaube, an ihrer Stelle wäre ich zornig geworden. Aber Frau Jens blieb ruhig und gelassen. Nein, antwortete sie, ihr Mann hätte nie so leben wollen. Sie sehe in dieser Erkrankung weder Sinn noch Segen. Darauf sagte Anselm Grün nichts mehr.

Und ich überlegte, ob der gütige Benediktinerpater halt nicht doch einer Märchenwelt angehört. Er lebt in einem klösterlichen Biotop, das alltägliche Existenzkämpfe ausblendet, eingebettet in eine Gemeinschaft, die Betreuung garantiert und keinerlei finanzielle Probleme kennt. Natürlich gibt es auch Mitbrüder, die an Alzheimer leiden. Einer von ihnen habe noch schöner Orgel gespielt als vorher, eine Musik, die aus anderen Dimensionen stammte, erzählte Anselm Grün. Die Brüder schlichen sich heimlich in die Kirche, um ihm zuzuhören. Und schon waren da Sinn und Segen – ein Luxusartikel für Privilegierte der anderen Art.


Autor: Christine Steiger | Profil
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