25.08.2009
Pest an Bord
In letzter Zeit bekomme ich einen alten Shanty nicht mehr aus dem Kopf. Als Teenager schmetterte ich ihn mit wahrer Inbrunst: «Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord; in den Fässern da faulte das Wasser, und täglich ging einer über Bord.»
Als ich dieses Lied vor Jahrzehnten sang, lag mir der grausige Inhalt der Zeilen völlig fern. Er hätte ebenso gut einem Märchen entstammen können. Ich schwärmte für die Piraten, die ich allerdings bloss aus dem Kino kannte. Sie waren immer gut drauf, turnten fotogen in der Takelage ihrer Segelschiffe auf und ab und lachten fröhlich inmitten der grössten Kämpfe. Ein einziges Fest.
Jetzt aber geriet mir ein Schmöker in die Hände (Jane Johnson: «Die zehnte Gabe». Verlag Page & Turner) in dem erzählt wird, dass es nichts mehr zu lachen gab, wenn man im 16.Jahrhundert Piraten in die Hände fiel. In dem Roman werden Männer, Frauen und Kinder in einem englischen Dorf während des Gottesdienstes entführt, um als Sklaven in Afrika verkauft zu werden. Angekettet vegetieren sie unter Deck und stehen fusshoch im eigenen Kot – allein schon der Gestank muss unbeschreiblich gewesen sein. Natürlich ging dann auch täglich einer über Bord, aber dass es überhaupt Menschen gab, die diese grausigen Wochen überleben konnten, grenzt für mich an ein Wunder. Die müssen ja ein fabelhaftes Immunsystem gehabt haben. Jedenfalls eines, das wir dekadente Nachfahren kaum mehr besitzen. Ich wäre jedenfalls bestimmt als eine der ersten über Bord gegangen.
Kürzlich sah ich zum ersten Mal eine junge Frau, die auf der Strasse einen Mundschutz trug. Und in der Migros kann man sich neuerdings Einweghandschuhe überziehen, um das Obst zu befühlen. Die Pest haben wir zwar noch nicht an Bord, aber viele Leute reagieren auf die Warnungen in der Presse ähnlich wie ich damals auf die Piraten im Kino. Alles halb so wild, alles Quatsch, alles ganz harmlos, alles sowieso erstunken und erlogen. Uns kann ohnehin nichts passieren. Schliesslich findet das Elend immer anderswo statt.
Es ist zwar quasi ein statistisches Naturgesetz, dass früher oder später neue Seuchen grassieren werden, gegen die es noch keine Medikamente gibt. Wenn nicht jetzt, dann halt zu einem anderen Zeitpunkt. Aber noch verlachen die meisten eine Bedrohung, die für sie keinerlei Realitätsbezug besitzt – so lange, bis uns das Lachen im Hals stecken bleibt.
