08.09.2009
Verschwundene Gäste
Seit Jahren bekam ich im Sommer ungebeten Besuch. Zu Hunderten stürmten sie meine Wohnung, ohne dass ich mich gegen sie wehren konnte. Wenn sie ruhig in einer Ecke gesessen und still meditiert hätten, wäre es mir ja noch egal gewesen, aber nein: Sie sausten ständig um mich herum und schmarotzten von meinem Essen. Manchmal fiel eine von ihnen in meinen Kaffee. Dann landete sie samt dem Inhalt der Tasse in einem Blumenkistchen.
Die Fliegen sind zwar durchaus ein Wunder der Natur, aber zuviel davon ist der Bewunderung abträglich. Darum zog ich in den Krieg gegen sie mit allen Mitteln, die ich kannte. Gift in allen Varianten und Totschläger. Es nützte nichts. Bis zu diesem Sommer. Plötzlich blieben die Fliegenstaffeln aus. Monatelang. Auch bei schwülem Wetter oder vor Gewittern drängten sie nicht mehr in meine Wohnung. Jedenfalls nicht zu Hunderten. Zwei oder drei spazierten mal schnell herein. Aber das war’s auch schon. Bereits verdächtigte ich meinen Nachbarn, den Bauern, eine Geheimwaffe konstruiert zu haben. Aber als ich ihn danach fragte, verwies er nur auf die Schwalben. Aber die waren auch in den Jahren davor der Fliegen nicht Herr geworden.
Statt mich nun zu freuen, bin ich eher irritiert. Sind die Fliegen womöglich plötzlich am Aussterben? Hingerafft von einer unbekannten Seuche, die vielleicht eines Tages als Fliegengrippe bekannt werden wird? Oder schleckt sie ein unbekanntes Tier nachts von ihren Schlafstätten? Und wenn ja, welches? Meine Katzen jedenfalls mit Sicherheit nicht. Sobald die Fliegen in Mengen auftreten, verlieren sie jedes Interesse an ihnen.
Liegt es am Kuhmist, der keine geeignete Brutstätte mehr für die Eier der Fliegen ist? Und wenn ja, warum? Mutieren die Kühe? Oder mutiert das Wetter? Macht das Ozon den Fliegen zu schaffen, und wenn es den Fliegen zu schaffen macht, was macht es dann mit uns? Die ökologischen Zusammenhänge münden schnell in ein Horrorszenario.
Gerührt schaue ich einer Fliege zu, die über eine Pfefferminzblüte krabbelt. Fast könnte ich mich schon mit ihr anfreunden, sofern es ihr nicht einfällt, ihre vielen Freunde mitzubringen.
Es ist bei den Fliegen eindeutig wie bei den Menschen: Erst wenn sie in Massen auftreten, werden sie irgendwie unangenehm.
