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 SPUREN Weblog von Christine Steiger
 
03.11.2009
Geistiger Kurszerfall

Die Wirtschaftskrise gibt zu reden. Und zu analysieren. Wie war das damals in den Dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts? Als die grosse Depression hereinbrach und die bankrotten Banker aus den Fenstern der Hochhäuser sprangen? Letzteres ist übrigens eine Legende. Sie sprangen gar nicht, mussten es auch nicht, denn wenn einer ein paar Millionen besitzt und die Hälfte davon verliert, kann er immer noch gut leben. Betroffen war der Mittelstand. Denn wenn jemand wenig besass, verlor er alles. Davon sind in meiner Erinnerung nur noch ein paar Fotos übrig geblieben: Lange Schlangen von Menschen vor den Suppenküchen. Anstehen für ein Stück Brot.

Kürzlich habe ich in einem Dokumentarfilm eine noch viel eindrücklichere Szene gesehen: Ein Marathon-Tanz von Armen, die ihre letzte Hoffnung auf den ersten Preis von 500 Dollar gesetzt hatten und bis zum völligen Zusammenbruch immer weitermachten. Das Publikum lachte und freute sich über jedes Paar, das ohnmächtig auf den Boden sank. Das ist für mich der geistige Kurszerfall, der einer derartigen Wirtschaftskrise zugrunde liegt, weil grenzenlose Gier immer die Schwächeren ausgrenzt.

Aber heute ist das bestimmt ganz anders. Da lacht doch niemand mehr über die Not der Verlierer. Nein, aber es kommt doch wieder ein kleines Lächeln auf. Zum Beispiel über den Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, der – verkleidet als Obdachloser, Call-Agent, Somalier und Industrie-Bäcker – in einem neuen Buch über die elenden Arbeitsbedingungen ganz unten berichtet. Das sei zwar verdienstvoll, lese ich in einer Besprechung, aber Wallraff werde auch «zunehmend belächelt». Zum Beispiel, wenn er sich als «armer Mohr» ausgerechnet in Gebiete wage, die als «No-Go-Areas für Ausländer» bekannt seien.

Mit anderen Worten: Da müsse sich schliesslich niemand wundern, wenn er Gefahr laufe, zusammengeschlagen zu werden. Das sei doch quasi keine «Enthüllung». Auf diese Weise wird die rassistische Gewalttätigkeit der Neo-Nazis bereits als selbstverständlich vorausgesetzt und damit akzeptiert. Eine Akzeptanz, die Distanz schafft – vor allem zu den Opfern.

An der Wallstreet aber wird den Bankern neuerdings eingehämmert, dass sie die Chance dieser Krise mutig nutzen sollen. Und sie nutzen sie.

Bis zum nächsten Kurszerfall. Geistig und materiell.


Autor: Christine Steiger | Profil
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