24.11.2009
Alte Bekannte
Eine Frau sagte mir mal, sie kenne mich von früher. Von viel früher. Wir seien vor Jahrhunderten Seeräuber auf der «Santa Maria» gewesen.
Meine Güte, dachte ich, da haben wir uns aber mächtig verändert. Sie näht am liebsten Teddybären, und ich renne vor jedem bellenden Hund davon. Zwei harmlosere Frauen gibt’s nimmer.
Eine andere derart uralte Bekannte behauptete, ich hätte sie während der Zeit der Katharerverfolgungen vor den Häschern versteckt. Auch wieder ganz schön mutig von mir, fand ich, und sann darüber nach, warum ich heute ein solcher Hasenfuss bin. Womöglich entwickle ich mich gar nicht weiter. Ganz im Gegenteil. Ich baue ab!
Ähnliches denke ich von Leuten, die begeistert erzählen, dass sie in längst vergangenen Leben in heiligen Tempeln lebten und als auserwählte Priester und Priesterinnen den Göttern dienten. Was ist bloss aus ihnen geworden! Heute begnügen sie sich damit, ihre Brötchen zu verdienen und machen hin und wieder eine Rückführung in interessantere Zeiten – mit Vorliebe in Zeiten von Hochkulturen. Jedenfalls hat mir noch niemand erzählt, er sei mit mir auf einem Baum gesessen, und wir hätten zusammen Nüsschen geknabbert. Ein uralter Affe will offenbar niemand gewesen sein.
Ich aber frage mich bei jeder neuen Begegnung, woher wir uns wohl schon kennen. Und habe ich die Frau auf der «Santa Maria» (die damals notabene ein Mann war) womöglich über Bord geworfen und mir dann reumütig ewigen Pazifismus geschworen?
Oder geht die Geschichte womöglich anders herum? Zeit ist bekanntlich eine Illusion. Vielleicht reinkarnieren wir uns ja rückwärts?
Und plötzlich knabbern wir unsere Nüsschen auf einem Baum statt vor dem Fernseher. Äffisch wie wir immer noch sind.
