03.12.2009
Aus dem Walde
Der alte Mann tut mir immer ein bisschen leid. Besonders in dieser Jahreszeit. Wenn er an meine Tür klopft, weiss ich, dass er erschöpft ist. Ich bitte ihn herein, mache ihm ein Fussbad und einen Glühwein. Die Guetzli steuert er selber bei.
Dann klagt er mir müde seinen Kummer über die aufdringliche Konkurrenz: Junge Männer, die sich einen weissen Bart umhängen, und topfit die Fassaden von Häusern raufklettern. Die vielen anderen, die in der Werbung arbeiten oder vor den Geschäften die Kunden anlocken. Nein, nicht die Kinder. Von alten Männern, die sich über Kinder beugen, erwartet man nicht mehr, dass sie den lieben Kleinen geheimnisvolle Weisheiten weitergeben. Stattdessen rufen die Leute sofort die Polizei.
«Ich begegne mir überall», sagt er. «Aber keiner erkennt mich mehr. Ich verschwinde unter all den billigen Doppelgängern. Dabei bin ich der Einzige, der aus dem Walde kommt.»
«Aus dem Wald», nicke ich und denke an die betonierten Pfade, die durch dürre Tannenwälder führen. «Schwer vorstellbar, dass Sie aus einem Wald kommen.»
«Nicht aus einem Wald», korrigiert er mich, «sondern aus dem Walde. Das ist etwas ganz anderes. Etwas Dunkleres und Tieferes.»
Ich schaue ihn fragend an.
«Ich handle nicht mit Nüssen und Mandarinen», sagt er leise. «Darum geht es mir nicht. Ich bin ein Bote. Ein Bote des grossen Geheimnisses.»
Dann geht er. Und ich grüble darüber nach, was er gemeint haben könnte.
