08.12.2009
Der grosse Diktator
Mein Drucker funktioniert bestens. Trotzdem muss ich ihn auf den Abfall werfen. Warum? Weil die Tintenpatronen, die er benötigt, nicht mehr hergestellt werden. Das macht mich sternsverrückt. Der grosse Diktator zwingt mich, einen neuen Drucker zu kaufen, obwohl ich eigentlich gar keinen neuen Drucker brauchen würde.
So wird der Konsumterror auf die Spitze getrieben. Ich habe keine Wahlfreiheit mehr. Was nützt es mir, wenn ich abstimmen darf, aber in die Abhängigkeit von Computern gerate? Am liebsten würde ich die ganze elektronische Plastikware aus dem Fenster werfen. Aber das wäre, als würde ich mich zu Einzelhaft verurteilen.
Mein Compi rächte sich prompt für diesen Gedanken und gab den Geist auf. Aber hat er überhaupt Geist? Eben nicht, obwohl das manche Leute allen Ernstes behaupten. Wie auch immer: Jetzt muss ich nicht nur einen neuen Drucker kaufen, sondern den ganzen Rest noch dazu. Denn die Elektronik ist die Nabelschnur, die mich an die Welt bindet. Ohne sie bin ich verloren. Ich weiss nicht, ob mir jemand ein Mail schickt. Und ich kann auch selbst keine mehr verschicken. Ich kann nicht mal mehr einen Brief schreiben. Es sei denn von Hand, und kann das noch jemand lesen?
Und da schreiben die Zeitungen über die «elektronischen Fesseln», die der arme Polanski in seinem Haus tragen muss! Die tragen wir doch längst alle miteinander. Und es gibt nirgends eine Mauer, über die man todesmutig in die Freiheit flüchten könnte. Es muss auch niemand hinter mir her schiessen. Es gibt längst kein Entkommen mehr. Und das Verrückteste ist: Wir merken es nicht mal. Wir leben in einer Diktatur und glauben, wir seien freie Menschen.
