14.12.2009
Vergebung vergebens
Mir stösst es immer ein bisschen säuerlich auf, wenn Psychotherapeuten, Esoteriker und edelmütige Menschen Vergebung beschwören. Entlastet wird damit vor allem der Täter, von dem oft nicht mal eine Entschuldigung verlangt wird. Klar: Wer mich um Verzeihung bittet, dem kann ich verzeihen. Aber einfach nur vergeben? Ohne Wenn und Aber? Wem dient diese Haltung?
Im Fernsehen sah ich dazu kürzlich ein anschauliches Beispiel. Ein Mann erzählte, wie er als 17jähriger in der DDR wegen eines Fluchtversuchs verhaftet und 200 Stunden verhört wurde. Zwar war der Fall klar, aber die Verhöre, die zum Teil über zwanzig Stunden dauerten, dienten der seelischen Folter: Psychoterror statt körperliche Quälereien. Jahrzehnte später und nach dem Mauerfall arbeitete dieser Mann in einem Westberliner Warenhaus am Zigarrenstand. Plötzlich stand ihm sein einstiger Folterknecht gegenüber und wählte für 1500 Euro edelstes Räucherwerk aus. Er war gut situiert und – wie spätere Recherchen seines Opfers ergaben – Manager im mittleren Kader einer Bank.
«Wir kennen uns», sagte das Opfer, das immer davon geträumt hatte, seinem Quälgeist eines Tages doch noch vergeben zu können, in diesem Moment aber am liebsten zur Pistole gegriffen hätte. Er erklärte dem Täter, wer er war, und dass er zumindest ein Wort der Entschuldigung erwarte. Und was erhielt er zur Antwort? «Sie haben immer noch nicht begriffen, dass Sie zu Recht verurteilt wurden», sagte der Kunde und setzte gelassen hinzu: «Reue ist ein Wort für kleine Kinder!»
Der kleine Verkäufer im Warenhaus erlebte daraufhin eine «posttraumatische Belastungsstörung», wie dies im Fachjargon heisst. Alles brach wieder auf. Er machte einen Selbstmordversuch und kam für eine gewisse Zeit in eine geschlossene Anstalt.
In einem solche Fall, fürchte ich, ist Vergebung vergebens.
