12.01.2010
Mein Wütchen
Egoisten leben gefährlich. Denn die einzige Lebensversicherung ist eine minimale Gerechtigkeit anderen gegenüber. Die Schweiz galt lange als glückliches Land, weil die sozialen Unterschiede ihrer Bewohner klein waren. Jetzt, wo sie grösser werden, schwindet auch die Zufriedenheit im Volk.
«Das Leben ist nicht gerecht», höre ich dann als Einwand. Ich meine aber nicht, dass das Leben gerecht sein muss, sondern dass sich die Menschen zumindest in ihrem Umfeld um eine klitzekleine Gerechtigkeit bemühen könnten. Sonst verhalten sie sich schlicht unanständig. Aber interessant ist ja, dass der Anstand abgeschafft wurde («Sozialromantik»). Stattdessen heisst es: «Egoismus ist menschlich.» Zwar wirkt sich Egoismus auf viele Menschen unmenschlich aus, aber wir gehen ja von den Starken aus und nicht von den Verlierern, den Armen, den «Schein-Invaliden».
Immer mehr Leute erleben, dass sie am Arbeitsplatz ungerecht behandelt werden oder dass Institutionen schamlos juristische Spitzfindigkeiten nutzen, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen.
Ich war ein halbes Jahr extremem Baulärm ausgesetzt. Theoretisch hätte ich Anspruch auf eine Mietzinssenkung gehabt. Dafür hätte ich allerdings voraussehen muss, was auf mich zukam. Denn man muss die Liegenschaftsbesitzer sofort darüber benachrichtigen, was kommen könnte. Ich aber habe mich erst hinterher gemeldet. Die Fakten bleiben zwar dieselben – aber rechtlich bin ich im Unrecht.
Was macht das mit mir? Es entzündet im Inneren ein … wie soll ich sagen? Ein klitzekleines Wütchen. Nichts besonders Gefährliches. Nur ein Wütchen. Aber ich kann mir so gut vorstellen, welche Wut in Menschen brennt, die von der Arroganz der Mächtigen um ihre Existenz gebracht werden. Oder wenn ihnen «juristisch korrekt» ungeheures Unrecht angetan wird.
Vielleicht steigt dann eines Tages einer von ihnen mit einer Bombe am Bein in ein Flugzeug. Wie unmenschlich!
