26.01.2010
Inwendig auswendig
Das Erstaunliche an meiner Mutter war, dass sie noch mit Achtzig die Gedichte auswendig konnte, die sie in der Schule gelernt hatte. Das kann man von mir nicht behaupten. Ausser dem ABC ist mir aus meiner Schulzeit kaum etwas geblieben. Vielleicht ein paar Kinderverse. Zum Beispiel: „Hui -! Da pfeift er - / Wui -! Da greift er - /Donnerwetter!/ Halt ihn, Vetter!/ Himmel, hilf! Mein neuer Hut!“ Nicht gerade etwas, das einen durchs Leben trägt.
Ich habe seither auch nie mehr etwas auswendig gelernt. Nun hat es mich plötzlich gepackt. Weiss der Himmel – auch ohne Hut! – warum. Ganz sicher nicht als Gedächtnistraining. Eher als Virenfilter gegen die Informationsflut, die mein armes Hirn täglich überschwemmt. Jetzt gehe ich murmelnd durch den Tag. Inwendig murmelnd. Ich präge mir zwei Zeilen aufs Mal ein. Erst, wenn sie sitzen, mache ich weiter. Kein Plansoll, kein Ziel. Ich lasse mir Zeit. Ich muss ja meinen Text niemandem aufsagen.
Aber es hat Folgen. Jetzt bin ich nämlich ständig auf der Suche nach Bleibendem, nach ewigen Werten sozusagen, nach dem, was die täglichen Banalitäten abwehrt. Das ist natürlich für jeden Menschen etwas anderes. Aber es lohnt sich, im Gedächtnis einen kleinen Notvorrat an Geistvollem anzulegen. Meine Mutter hat die Gedichte niemandem vorgetragen. Aber sie hat sie inwendig aufgesagt, wenn sie mal nicht schlafen konnte oder krank war.
Kein Wunder, träumte ich kürzlich, sie überreiche mir einen alten Gedichtband. Den Gedichtband gibt es wirklich. Er steht seit Jahrzehnten in meinem Bücherregal. Mal sehen, ob ich etwas darin finde, das mir gefällt. Dann werde ich es sofort auswendig lernen.
