02.03.2010
Schatzsuche für Anleger
Der Winter ist mein Tresor. Er hütet mein Vermögen. Kaum schmilzt der Schnee, gehe ich auf Schatzsuche. Schliesslich habe ich mein Kapital in den Boden gesteckt. Das wird jetzt sichtbar: Schneeglöckchen, Krokusse, Winterlinge. Kaum drehe ich meinen Reichtümern den Rücken, explodieren sie förmlich aus dem Boden: Meine Rendite! Ich bin begeistert. Und wie jeder Anleger muss ich nichts dafür tun. Nur mich freuen.
Schon düsen meine Vermögensverwalter um die Ecke und stürzen sich auf die Anlage, um sie zu vermehren: Bienen, die sich unterwärts in die Schneeglöckchen zwängen oder kopfüber in den Krokussen landen. Und ich reiche Kapitalistin reibe mir die Hände.
Zugegeben: Es handelt sich um eine risikoreiche Spekulation. Ich habe schon massive Verluste eingefahren. Wühlmäuse frassen mir die kostspieligsten Blumenzwiebeln weg. Gärtner verkauften mir Sorten, die nach einmaligem Blühen sofort verendeten, damit ich wieder neu investieren muss.
Und das Schönste an meinem Naturfonds: Er wirft auch für andere etwas ab. Alle können an meinen Blumen teilhaben, und ich schätze auch die natürlichen Aktienerträge der anderen Gärtner.
Darum halte ich meinen kleinen Garten für wertvoller als alles Gold der Welt. Letzteres ist zwar masslos übertrieben, schliesslich kann man auch Gold in Natur verwandeln, aber trotzdem: Die Frühlingsblumen werfen vielleicht keinen Zins ab, dafür viel Freude. Und letztere ist bekanntlich unbezahlbar.
