09.03.2010
Vergangenheitsbewältigung
Letztes Jahr verschwand der über hundertjährige Garten gegenüber. Dann wurde ein Sechs-Familien-Haus hingeklotzt. Und Garagen. Die armen Autos brauchen schliesslich ein Dach über dem von Rost gefährdeten Blech. Jetzt kommt das alte Haus dran, das – entblösst von Bäumen und Sträuchern rundum – seltsam nackt in der veränderten Landschaft steht. Abgerissen wird es zwar glücklicherweise nicht, aber ausgehöhlt und renoviert.
Und so fliegen nun Matratzen, Pfannen, Federkissen, Bilder aus dem Fenster: Erinnerungen an ein langes Leben. Die Mulde nimmt auf, was von den früheren Bewohnern noch übrig geblieben ist. Der Vorgang erinnert mich an die Zerstörung jener kunstvollen Mandalas aus farbigen Sandkörnern, die von den tibetischen Mönchen wieder der Vergänglichkeit anheim gegeben werden.
Kinder klettern in die Mulde und wühlen begeistert in den Schätzen. Vielleicht kann sich auf diese Weise das eine oder andere Erinnerungsstück an einen neuen Ort retten. Und ich schaue mich unwillkürlich in meiner eigenen Wohnung um. Alles künftiger Müll. Irgendwann steht die grosse Mulde auch vor meiner Tür.
Es gibt ja Menschen, die solche Mulden auch für ihre eigenen Erinnerungen besitzen. Was ihnen nicht mehr passt, entsorgen sie in die Vergessenheit. Damit meine ich nicht die Alzheimer-Kranken, die unfreiwillig von dieser Art Entsorgung betroffen sind, sondern die fröhlichen Verdränger, die mit leichtem Gepäck durchs Leben schreiten, ohne sich mit Überlebtem zu belasten.
Schade, dass dies nicht auch mit den eigenen Eigenheiten möglich ist. Hin und wieder gehe ich mir selbst auf die Nerven und würde gern eine Mulde bestellen, um bestimmte Charakteranlagen aus meiner Person zu kippen. Aber das kommt ohnehin unweigerlich. Spätestens dann, wenn ich sterbe.
Vielleicht stimmt mich darum das grosse Räumen im Haus gegenüber so wehmütig.
