16.03.2010
Orakeln
Jeden Morgen ziehe ich eine Tarotkarte. Ich möchte doch wissen, was mir der Tag bringt. Aber weiss ich es, wenn ich die Karte gezogen habe? Oder weiss ich nur, was ich unbewusst von diesem Tag erwarte? Das gibt mir zu denken.
Manchmal möchte ich noch mehr wissen. Dann lege ich schnell ein «kleines Kreuz»: Je eine Karte links und recht, je eine oben und unten und noch eine, die quer über der ersten Karte liegt. Dann erzählen mir die Karten eine Geschichte. Verraten sie mir die Zukunft? Oder weiss ich im Grunde bereits, was kommt?
Es ist geheimnisvoll. Denn sehr oft prophezeien mir die Karten etwas, worauf ich nicht gefasst war. Dann bin ich fassungslos, wenn das Unfassliche tatsächlich eintritt. Oder sie trösten mich: Alles halb so schlimm. Es wird gut enden. Und dann endet es auch gut. Obwohl ich längst nicht mehr daran geglaubt habe. Trotz der Karten. Wieso ziehe ich sie dann überhaupt? Und würde ich nicht gescheiter mein Schicksal selbst in die Hand nehmen und mir am Morgen eine schöne Karte aussuchen, die mich dann durch den Tag begleitet? Den „Stern“ zum Beispiel oder die „Sonne“?
Ich hätte kein gutes Gefühl dabei und käme mir vor wie eine Betrügerin an meinem eigenen Unbewussten: Es wäre buchstäblich wider besseres Wissen. Von diesem besseren Wissen, das in mir selber steckt, erfahre ich durch die Karten.
Darum reden sie mir auch nach dem Maul. Von Objektivität keine Spur. Aber sie offenbaren mir ein Stück unbekannte Innenwelt, die dazu neigt, sich mit der Aussenwelt zu synchronisieren. Darum könnte man die Sache auch umkehren, und von der Aussenwelt auf die Innenwelt schliessen. Da aber die Aussenwelt mit vielen Innenwelten zu tun hat, landen wir beim Zeitgeist. Der mischt die Karten auf seine eigene Weise. Wenn ich eine davon ziehe, bin ich dabei. Mitten drin in der Welt der Menschen.
