23.03.2010
Höllische Innenwelt
Vor meinem Fenster ist wieder mal die Hölle los. Eine Maschine fräst sich lautstark durch den Betonbelag der Strasse und entwickelt dabei gewaltige Staubwolken, die meine Aussicht vernebeln.
Ich lächle sanft. Denn mir wurde gesagt, alles sei nur eine Frage der Einstellung. Da die Realität ohnehin nur meine Innenwelt spiegelt, fräst sich die Maschine in Tat und Wahrheit durch meine Seele, ja schlimmer, ich bin es, die Staub aufwirbelt und unnötig Lärm macht.
«Es spielt keine Rolle, ob du im Gefängnis sitzt oder nicht», wird mir mitgeteilt. «Die Mauern sind in dir!» Na, gute Nacht. Dann werde ich meine inneren Bauarbeiten aber sofort einstellen, obwohl ein Plakat an der gegenüberliegenden Hausmauer verspricht, dass dort natürliche Renovationsarbeiten stattfinden, «damit Orte der Kraft entstehen». Innen oder aussen? Das ist hier die Frage.
Es ist sicher für das psychische Wohlergehen unerhört förderlich, wenn man mit Zuversicht durchs Leben geht und auf sein Glück vertraut. Es gibt unter Esoterikern eine Art Krisen-Junkies, die in jedem Unglück nur noch die grosse Chance wittern. Happy end inklusive. Es sei jedem, der dazu fähig ist, von Herzen gegönnt. Aber die Optimisten kommen mir manchmal vor wie die Banker, die auch dann noch ihre fetten Boni kassieren, wenn gar kein Grund dazu besteht und das Unternehmen vor dem Untergang steht. Nur innerlich natürlich!
Kurz: Manchmal nervt mich dieses positive Denken enorm. Besonders in diesem Jahr, für das die Astrologen den Anbruch schwerer Zeiten voraussagen. Die Konstellationen am Himmel gleichen denen, die vor dem Zweiten Weltkrieg stattfanden. Das heisst nicht, dass sich die Geschichte wiederholen muss. Auch Spannungen können sich «modernisieren», aber ungute Überraschungen stecken alleweil drin. Da müsse man eben «Ja» dazu sagen, erklären mir meine optimistischen Mitmenschen. Peinlicherweise fällt mir dabei sofort ein, wie das deutsche Volk auf die Frage «Wollt ihr den totalen Krieg?», genau ein solches «Ja!» jubelte. Daraufhin gab es 60 Millionen Tote.
Ich frage mich, ob wir nicht Wunderkinder eines reichen Landes sind, denen jedes Vorstellungsvermögen für Entsetzen und Schrecken abhanden gekommen ist. Die grossen Katastrophen finden bei uns nur noch im Kino statt. Kein Tsunami, kein Erdbeben, kein Krieg warten darauf, dass wir «Ja» dazu sagen. Und vor lauter Innenwelt blenden wir die Aussenwelt aus.
Dabei genügt schon ein winziger Zusammenstoss mit der Realität, beziehungsweise ein Aufprall zweier Autos in der Realität – und aussen ist alles, während innen nichts mehr ist.
