13.04.2010
Schleudergang
«Ich habe mich über mich selbst lustig gemacht im Glauben daran, über andere zu lachen», gesteht Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communications an der Universität St.Gallen, in ihrem Buch «Brief an mein Leben» (Rowohlt Verlag), in dem sie über ihre Erfahrungen mit einem Burnout schreibt. Sie habe früher, ohne es zu merken, über ihre eigene «emotionale Inkompetenz» gelacht.
Worüber sie sich damals lustig machte? Über all den «esoterischen Quatsch», auf den sie sich – nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch – nun selbst in einer Klinik einlassen muss: Phantasiereisen, Aufstellungen, Symbolsuche in der Aussenwelt. Kurz: Auf den Bezug zur Innenwelt, der für erfolgreiche Menschen bloss lächerlich ist – zumindest solange, bis sie gezwungen werden, aus ihrem eindimensionalen Weltbild auszusteigen, weil Körper und Psyche nicht mehr mitspielen.
Ich habe Miriam Meckels Buch gleich zweimal hintereinander gelesen, weil der schmale Band voller anregender Gedanken steckt und weil sie als Patientin über die eigenen Probleme hinaus einen scharfen Blick auf die Gesellschaft wirft. Ich wiederum erhalte als Leserin Einblick in eine Lebensform, die mir das nackte Grauen einflösst, auch wenn meine eigene Lebensform natürlich auch ihre negativen Seiten besitzt.
Die Langsamkeit ist mein Credo, und selbstverständlich kommt man damit nicht sehr weit. Doch Miriam Meckel lebte das entgegengesetzte Extrem: pausenloser Leistungsstress, viele Reisen, Empfänge, Partys – letztere nicht etwa zum Vergnügen, sondern um die «soziale Vernetzung» zu pflegen und das «soziale Kapital zu bewirtschaften», wie das in der Sprache der Erfolgreichen heisst. Sie habe ihr Leben, schreibt sie, bislang «als zu lösende logistische Herausforderung» aufgefasst.
Die Begriffe gleichen nicht zufällig denen der Wirtschaft. Die Ziele sind dieselben: Möglichst viel herausholen. In diesem Fall aus sich selbst. Karriere machen, bedeutet offenbar, sich selbst abzuzocken, bis der energetische Crash in die Klinik führt.
Da bleibt keine Zeit, den eigenen Weg zu hinterfragen. Miriam Meckel:«Im Alltag nach dem Sinn des Lebens zu fragen ist in etwa so passend und mutig, wie im Schlafanzug zu einem Empfang des Bundespräsidenten zu gehen. Der Blick auf das grosse Ganze spielt in unserer Alltagswelt selten eine Rolle.»
«Liebes Leben», so schliesst dieser bemerkenswerte Erfahrungsbericht, «du fehlst mir so in all dem, was ich bisher getan habe.»
