04.05.2010
Jürgen Fliege, der Ordnungshüter
Wenn die Zeiten chaotisch sind, sehnen sich die zutiefst verunsicherten Menschen wieder nach einer Ordnung, die ihnen Stabilität und Halt verspricht. Und oft ist es eine Ordnung, die man wenige Jahre zuvor noch zutiefst in Frage stellte. Und siehe da! Plötzlich dürfen wieder Rechtsextreme aufmarschieren, zeigen Fundamentalisten mit erhobenem Zeigefinger auf die Bibel und drohen, überwundene Diskriminierungen erneut aufzuleben.
«Zuerst kommt die elementare Berufung in die Ordnung der Schöpfung, zuerst kommt das Kinderzeugen und Gebären!» Ein Satz aus längst vergangenen Zeiten? Ih wo! Der ihn schrieb, ist der populäre Fernsehpfarrer und Bestseller-Autor Jürgen Fliege, der sich einst durch seine undogmatische und aufgeschlossene Haltungen auszeichnete. Und er fordert noch mehr: «Der Weg zum Himmelsvater führt nur über die Ehrung des eigenen Vaters. Wer mit der eigenen Mutter und mit dem eigenen Vater Probleme hat, der hat dieselben Probleme auch mit dem Vater im Himmel.»
Da können Väter und Mütter sein, wie sie wollen, das spielt für die Kinder keine Rolle. Fliege: «Wir sind krank, weil wir über unsere Eltern richten. Wir sind krank und gekränkt wie eine Blume ohne Energie, weil wir grösser sein wollen als unsere Väter und Mütter.»
Versöhnung ist Pflicht. Für die Kinder, versteht sich, nicht für die Eltern. Das gilt sogar für die Kinder beziehungsweise Enkelkinder, die Josef Fritzl mit seiner Tochter während deren jahrzehntelanger Gefangenschaft im Keller zeugte. «Es wird ein abenteuerlicher Weg für die Kinder. Aber vor und auf dieser Reise brauchen sie vor allem unseren Segen, auf den Vater zuzugehen», schreibt Fliege.
Ich ahnte es ja, als die spirituelle Versöhnungswelle über uns hereinbrach. Bei der Vergebung bleibt sie nicht stehen. Jetzt gilt es, in den Opfern die eigentlichen Täter auszumachen, und in den Tätern nur noch Opfer zu sehen. Jürgen Fliege nimmt sich selbst nicht aus. Er wurde als Zehnjähriger missbraucht und wirft sich vor, sich nicht dagegen gewehrt zu haben. Das ist doch ein klarer Fall von Missbrauch eines Erwachsenen durch ein Kind! Oder etwa nicht? Denn unschuldige Opfer gibt es einfach nicht. Punkt. «Verlasse um des Himmels willen auch die Überzeugung, dass es Opfer gibt, die keine Täter sind. Und verlasse die Überzeugung, dass es Täter gibt, die keine Opfer sind», verlangt Jürgen Fliege. «Es ist manchmal leicht und verführerisch, sich in seiner Opferrolle einzurichten. Opfer zu sein hat ein regressives Element und hofft auf Bedauern. Leben wird nicht mehr als Herausforderung verstanden, sondern als Schicksalsschlag. Aber erst, wenn das Opfer erkennt, dass es durch seine Haltung andere schädigt und wiederum zum Opfer macht, erst dann geht es ein Stück weiter in Richtung Versöhnung.»
Denn Jürgen Fliege weiss: «Versöhnungswege sind gefragt wie selten zuvor.» Also liefert er flugs das Gewünschte. «Ach, steh noch einmal auf, du toter Gott!» heisst der Titel seines neues Buches, das im Kösel Verlag erschienen ist. Mit dem Untertitel: «Wege zum Vater».
Wenn der Vater zum Gott gemacht wird, ist es mir lieber, er bleibt tot liegen.
