25.05.2010
Moment noch
«Einen Moment noch!», rufe ich, wenn mir meine Katze Söpheli am Morgen die Pfote auf die Nase legt, weil das Frühstück fällig ist. «Ich möchte noch ein bisschen schlafen!» Vielleicht träume ich ja gerade jetzt den alles erhellenden Traum. Aber nichts da. Ich werde aus dem Bett gescheucht, um meinen Pflichten zu genügen.
«Willkommen!», sagt der Computer und will mir seine Mails präsentieren. «Einen Moment noch!», rufe ich und stürze ins Freie. Schliesslich will die erblühte Pfingstrose bewundert werden. Morgen soll es schon wieder regnen, und dann lässt die Blume ihre Blütenblätter fallen. Überhaupt: Wenn nach vielen Regentagen mal wieder die Sonne scheint, wird mir bewusst, was Erleuchtung bedeutet. Letztere will ich auf keinen Fall verpassen. Aber der Alltag zieht und zerrt an mir. Das heisst: Ich lasse mich ziehen und zerren. Bis auf die Momente, die ich mir einfach nehme. Basta.
Diese Momente werden mir nämlich nur momentan angeboten. Dann sind sie auch schon wieder vorbei. Viele Leute begreifen das nie. Sie wollen immer erst dies und das erledigen, bevor sie sich erlauben, einen Moment innezuhalten. Und genau dann ist es meistens nicht mehr möglich. Die Sonne hat sich davon gemacht, die Energie ist futsch und die Laune verdorben.
«Einen Moment noch!», rufen sie und stellen erstaunt fest, dass sie alt geworden sind.
