08.06.2010
Oshos Paradies
Als Bhagwan seine grosse Zeit hatte, stand er mir fern. Schon rein geographisch. Aber auch seine Bücher fanden nie zu mir. Jetzt aber habe ich zum ersten Mal eines (Osho: Meditation als Chance. Innenwelt Verlag 2010) gelesen – und mich gewundert. Was er über Meditation sagt, sagen andere auch, und darüber kann ich als westlicher Mensch nicht urteilen. Was mich verwundert, sind seine pauschalen Behauptungen und Rundumschläge. «Alle normalen Menschen haben einen gesunden Menschenverstand», sagte er. «Ein Wissenschaftler ist kein normaler Mensch, er hat keinen gesunden Menschenverstand.»
Ich weiss nicht mal, ob unser Menschenverstand wirklich so gesund ist, geschweige denn, worauf sich Normalität eigentlich bezieht. «Jedes Kind kommt intelligent zur Welt und praktisch neunundneunzig Prozent aller Menschen sterben dumm», meinte der grosse Meister. Jetzt weiss ich natürlich auch nicht, in welchem fortgeschrittenen Zustand er war, als er das sagte, und in welchem Zustand ich bin, seit ich das gelesen habe. Ich weiss nur, dass ich solche Verallgemeinerungen nie mochte, und ich sie noch immer nicht mag.
Merkwürdig finde ich, dass er die «religiösen Techniken» des Ostens mit den «wissenschaftlichen Techniken» (der nicht normalen Wissenschaftler) verbinden wollte. «Früher oder später wird die Welt reich werden», erklärte er, «wir sind in der Lage, das Paradies hier auf Erden zu schaffen – zum allerersten Mal!» Und dann? «Je wohlhabender die Leute sind, desto spiritueller wird sie das machen.» Denn: «Ohne äusseren Reichtum wird sich niemand seiner inneren Unzufriedenheit bewusst.»
Da horche ich immer auf. Heillose Versprechungen dieser Art sind die Zuckerstückchen aller falschen Gurus: «Wenn du in deiner Mitte bist, hellwach, aufmerksam, ein Zeuge, lösen Probleme sich einfach in Luft auf.»
Und warum? Weil Probleme «allesamt Verstandesspielchen» sind.
Aber was ist jetzt mit dem «gesunden Menschenverstand»? Halte ich mich da nicht besser an die Wissenschaftler, die garantiert keinen haben?
Vielleicht hat Osho tatsächlich eine Synthese zwischen Osten und Westen geschaffen: eine kapitalistische Spiritualität.
