22.06.2010
Welt, Ball und Tröte
In den Altersheimen werden Schweizerkreuze auf bleiche Wangen gepinselt. Menschen jubeln vor Bildschirmen, masslos glücklich, aus dem einzigen Grund, weil sie der Nation der Sieger angehören. Als ob der Ruhm auf sie abfärben würde. Dabei spielen in den meisten Mannschaften auch angeheuerte Söldner. Sie stehen in fremden Diensten. Wie beispielsweise die besten Afrikaner, die nun auf ihrem eigenen Kontinent ausländische Nationen vertreten.
Mir kommt es vor, als kehre der Kolonialismus nach Südafrika zurück. Armensiedlungen werden abgerissen, Strassenkinder deportiert, Programme für den sozialen Wohnungsbau und die Stromversorgung eingeschränkt. Dafür werden in den Hotelzimmern Fernseher mit modernen Flachbildschirmen für die Fussballspieler installiert. Aber das ist eine Kleinigkeit gegenüber den enormen finanziellen Aufwendungen, die den «Völker verbindenden Spielen» geopfert werden. Stadien und ein zusätzlicher Flughafen mussten gebaut, das Strassennetz verbessert werden. Milliarden wurden verschoben. Fernsehanstalten aus der ganzen Welt haben der Fifa 1,7 Milliarden Dollar für die Rechte der Übertragungen gezahlt. Steuerfrei. Die Afrikaner sollen dankbar sein, dass auf ihrem Rasen gespielt wird. 41 000 Polizisten müssen die Sicherheit garantieren. Für einen Tageslohn von 35 Franken, von dem sie bisher nur die Hälfte erhalten haben. Die Schweizer Fussballer aber bekamen für ihren Sieg eine Extra-Prämie von 30 000 Franken. Und so weiter und so fort.
Diese «Spiele» sind wie ein gigantisches Vergrösserungsglas, durch das man die Mechanismen unserer Gesellschaft erkennen kann. Im ohrenbetäubenden Lärm der Tröten scheint sich ein Zeitbild zu zeigen, ein Gleichnis für unsere Art der Problemlösungen. Eigentlich wird gar nichts produziert, aber es bringt eine Menge Geld, während andere immer weniger bekommen, weil kein Geld dafür vorhanden ist, um Notwendiges herzustellen. Vielleicht geht auf der Welt nur darum so viel schief, weil die Menschen nicht miteinander spielen können, sondern nur gegeneinander. Auch die Teams brauchen in erster Linie einen Gegner, den sie besiegen können. Und dieser Sieg löst Jubel aus. Und Trauer bei den Besiegten. Ein paar Tage später ist es umgekehrt.
Dabei ist eigentlich gar nichts passiert.
Bin ich jetzt eine Spielverderberin, die anderen den Spass missgönnt? Ich glaube, die wahren Spielverderber sitzen woanders. Und keine Tröten begleiten ihr siegreiches, zerstörerisches und für sie profitables Tun.
