30.06.2010
Marktlücke für Weisheit: Mein Preis
Vor sehr langer Zeit, als es weder Radio, Fernsehen noch Internet gab, ja nicht mal Zeitungen, da fand man die Geschichtenerzähler auf den Marktplätzen. Mitten zwischen den Händlern, die ihre Waren anpriesen, und den Käufern, die um den Preis feilschten, konnten die Menschen noch etwas anderes mitnehmen: Weisheiten, Wahrheiten, Werte verpackt in Worte, die ans Herz gingen.
Heute ist fast die ganze Welt ein Marktplatz mit schrillen Verkäufern, die übertönen, was nicht Profit bringt. Umso erstaunter war ich, als ich auf einem solchen Marktplatz den persischen Dichter und Sufi Attar antraf. Das heisst: Attar ist schon lange tot, er lebte im 13.Jahrhundert und schrieb ein berühmtes Buch «Vogelgespräche», in denen er seine mystischen Erkenntnisse symbolisch verschlüsselt darlegte. Wen ich dagegen tatsächlich auf einem «Marktplatz» unserer Zeit antraf, war Linard Bardill, der eine Legende über Attar erzählte – und zwar in der Coopzeitung (Nr.25/22.6.10), mitten zwischen Anpreisungen für Produkte und Aktionen. Bardill, der sich selbst als «Liederer» bezeichnet, schreibt dort eine Kolumne.
«Wenn wir erkennen, dass unser Ego ein aufgeplustertes Huhn aus nichts, mit nichts drin und nichts drum herum ist, dann sind wir den ersten Schritt auf dem Weg zu uns selbst gegangen», zitiert er den persischen Dichter und erzählt, dass der über 80jährige Attar während der Mongolenzüge gefangen genommen und als Sklave zum Verkauf angeboten wurde. Ein Mann wollte ihn daraufhin für tausend Silberlinge freikaufen, aber Attar flüsterte seinem «Besitzer» ins Ohr, er solle auf den Handel nicht eingehen. Tausend Silberlinge seien nicht sein Preis! Der Mongole folgte seinem Rat. Da kam ein anderer Mann und bot einen Sack Stroh, und Attar sagte: «Ja, das ist genau mein Preis! Mehr wert bin ich nicht!» Der «betrogene» Mongole soll ihn daraufhin vor Wut geköpft haben.
«Mein Preis» lautet der Titel dieser Kolumne. Ein echtes Schnäppchen!
