06.07.2010
Am Staat nagen
Manchmal wäre ich gern gefährlich. Aber das bin ich höchstens für mich selbst. Nämlich dann, wenn ich über meine eigenen Füsse stolpere oder das Küchenmesser in den Finger haue. Ich habe es nicht mal geschafft, die Aufmerksamkeit unseres Eso-Inquisitors Hugo Stamm zu erregen, obwohl ich das einzige Mitglied einer Ein-Frau-Sekte bin, die einem Guru huldigt, der sich unter dem Decknamen Micheli als Kater tarnt!
Dabei müsste es in unserem Land doch ganz leicht sein, als gefährlich zu gelten. Man tut etwas, das man selbst für harmlos erachtet, und schon wird man fichiert. Nämlich als Gefahr für den Staat.
Aber genau das macht die Sache ja so schwierig. Möglich, dass ich schon unangenehm auffalle, wenn ich auf der Veranda sitze und in die Sonne blinzle. Ich könnte ja eine «Schläferin» sein – eine dieser menschlichen Zeitbomben, die jahrelang völlig unauffällig sind, bis sie zu einer mörderischen Tat schreiten. Aber die fallen ja eben nicht auf, weil sie schon wieder so unauffällig sind, dass sie eben überhaupt nicht auffallen.
Einmal bin ich aber tatsächlich aufgefallen. Beim ersten Skandal vor Jahrzehnten hatte ich es geschafft. Ich hielt meine Fiche in den Händen und staunte nicht schlecht. Da war registriert worden, dass der Tages-Anzeiger einen Text von mir veröffentlicht hatte, der von Mäusen handelte. Mäuse! Gefährliche Nager! In meinem Fall nagten sie allerdings quasi im Dienst des Staatsschutzes. Die Mäuse hausten nämlich in einer linken Buchhandlung, die bis zum Dach mit Büchern gefüllt war. Und den Mäusen war es völlig egal, ob sie an Karl Marx knabberten oder an Goethe oder an Dürrenmatt. Nur dem Staatsschutz waren sie suspekt.
Beziehungsweise ich war ihnen suspekt. Und so war auf meiner Fiche säuberlich von Hand notiert worden: «Kennt sich offenbar dort gut aus.» Wouh! Da hatten sie mich allerdings entlarvt. Ich arbeitete nämlich dort. Ganz legal. Das hatte der Staatsschutz allerdings nicht gemerkt.
Und heute? Ich habe keine Hoffnung mehr, fichiert zu werden. Oder vielleicht doch? Gerade kommt meine Katze Söpheli mit einer Maus im Maul nach Hause. «Bravo!», rufe ich ihr zu. «Endlich ist wieder ein subversiver Nager im Haus!» Ob ich es dem Staatsschutz gleich selber melden soll?
