13.07.2010
Wetterhexen
Viele Menschen fühlen sich wie verhext. Die Knochen knirschen, der Kopf dröhnt, der Kreislauf tut nicht mehr. Die Zipperlein sind zahllos. Wetterfühligkeit kann ein Fluch sein. Aber es gibt Leute, die glatt behaupten, das Phänomen existiere gar nicht. Sie sind noch nie einer Wetterhexe begegnet.
Die Gattung ist grausam. Wetterhexen machen ihren Opfern das Leben schwer. Meine ist eine Ausnahme. Wenn ich brav tue, was sie will, ist sie äusserst umgänglich. Allerdings muss ich ihre merkwürdigen Wünsche ernst nehmen. Letztere sind ausschliesslich kulinarischer Art. Es ist ja noch nachvollziehbar, wenn ich im Winter plötzlich Raclette essen muss. Das machen andere Leute schliesslich auch. Aber meine Wetterhexe signalisiert mir auf den Tag genau, dass der Frühling da ist. Dann muss ich Unmengen von gekochten Eiern essen, als hätte die Hexe ein Abkommen mit dem Osterhasen geschlossen. Und ebenso plötzlich wie die Phase gekommen ist, ist sie auch wieder vorbei.
Ganz verrückt ist meine Wetterhexe vor Gewittern. Natürlich weiss sie besser als jeder Wetterbericht, ob wirklich eines kommt oder nicht. Da können sie im Radio lange beteuern, dass es heute trocken bleibe. Meine Wetterhexe weiss es besser. Und bevor auch nur ein Wölkchen am Himmel erscheint, dirigiert sie mich in die Küche, um eine Büchse Sardinen zu öffnen. Büchsenfutter! Es ist eine Beleidigung für meine Kochkunst. Dazu will sie noch ein Glas Weisswein. Dabei habe ich viel lieber Rotwein. Und kaum habe ich mein frugales Mahl vertilgt, geht es draussen auch schon los: Blitz und Donner und Regengüsse.
Umgekehrt funktioniert es auch. Wenn der Wetterbericht Gewitter verheisst, ich aber keine Lust auf Sardinen habe, bleibt es trocken.
Bisher habe ich immer geglaubt, meine Wetterhexe sei einmalig. Aber jetzt stiess ich im Krimi «Vor dem Frost» (dtv) von Henning Mankell auf eine Wesensverwandte.
«Ich glaube», sagt Wallander, der berühmten Kommissar, «es gibt ein Gewitter. Ich habe so einen Druck hinter den Schläfen. Ein Erbteil von meiner Mutter. Es bedeutet Gewitter. Ich habe einen Freund, der Giuseppe Larsson heisst und bei der Polizei in Östersund ist. Also er behauptet, mächtigen Appetit auf eingelegten Hering und einen Schnaps zu bekommen, wenn ein Gewitter aufzieht. Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es wahr ist.»
Ich dagegen weiss, dass es wahr ist! Und dass ich noch Glück habe, dass meine Wetterhexe keinen Schnaps verlangt.
Da ist mir der Weisswein doch noch lieber. Samt Sardinen.
