10.08.2010
Geistiges Kochen
«Entdecke deinen Geistführer» lautet der Titel eines Buches von Pascal Voggenhuber (Giger Verlag). Ich habe ihn auch prompt entdeckt. Welche Enttäuschung! Bisher hielt ich Geistführer nämlich für besonders geistvoll. Irgendwie nachvollziehbar, oder? Wenn jemand geistvoll sein muss, dann doch hoffentlich der Geistführer. Aber Voggenhuber, ein Schweizer Medium, schreibt, dass unsere jenseitigen GPS eher Experten gleichen, die nur ihre jeweiligen Fachgebiete beherrschen. Darunter auch absolut geistlose. Na ja, geistlose ist vielleicht übertrieben. Sagen wir lieber: handfeste und ganz alltägliche.
Da ging mir ein Licht auf, warum ich auf die Erleuchtung noch lange warten kann. Denn mein Geistführer ist zweifellos Koch. Er jagt mich in der Küche herum und hat dabei einen Ton drauf, wie er in Restaurants üblich sein soll: Militärischer Drill vom schärfsten. «Bist du eigentlich verrückt?», lässt er sich in meinem Kopf hören. «Tomatensalat zur Pizza? Nie und nimmer!»
«Schon gut», murmle ich und hole eine Gurke aus dem Kühlschrank.
«Und den Rohschinken hast du vergessen!», brüllt der kochende Geist in mir.
Er ist anstrengend. Aber auch anregend. Letzteres ist ja auch die Aufgabe eines Geistführers. Mein gespenstischer Koch bringt mich auf merkwürdige Zutaten und hat eine erklärte Vorliebe für Anisschnaps. Er tröpfelt es über Zuchhetti und Lammvoressen. Das schmeckt sehr südlich. Vielleicht ist mein Geistführer Grieche. Oder war es mal.
Aber warum muss mir geistiges Kochen beigebracht werden? Ist das eine Vorbereitung auf die nächste Inkarnation? Oder handelt es sich lediglich um meinen Schutz, damit ich mich nicht vorzeitig vergifte?
Und was ist mit meiner geistigen Entwicklung? Bin ich ein hoffnungsloser Fall? Oder ist mein spiritueller Geistführer so vergeistigt, dass ich ihn gar nicht wahrnehme? Besonders dann, wenn sein himmlischer Kollege wieder in der Küche herumbrüllt.
«Sofort, Chef!», rufe ich. «Aber ich muss erst noch einkaufen gehen.»
Natürlich hat er mir innerlich bereits diktiert, was ich für das nächste Essen benötige. Und wie immer treibt er mich zur Eile an. Gleich kommt nämlich eine Kochsendung im Fernsehen.
So funktioniert geistiges Kochen.
