17.08.2010
Eisiger Höhenrausch
Sehr wahrscheinlich werde ich mich nie in die Felswand eines Viertausenders krallen müssen. Und ganz sicher werde ich auch nie in der Hochfinanz Millionen verzocken. Beides graust mich gleichermassen. Denn sowohl die Gipfel hoher Berge wie die Teppichetagen der Banken sind für mich fremde Welten. Vor allem auch, weil es sich um reine Männerwelten handelt.
Darum fror es mich bei der Lektüre von Rudolf Wötzels Buch «Über die Berge zu mir selbst» (Integral Verlag), obwohl ich ganz gemütlich in meiner Stube sass. Aber was ich da las, machte mir schlicht eine Gänsehaut. Statt in erstrebenswerte Höhen, blickt der Leser in unbekannte Abgründe. Wötzel war ein hochdotierter, bonusgespickter Banker bei einer deutschen Sektion von Lehman Brothers. «Der Banker wird zur Gier erzogen», schreibt er selbstkritisch. «Lieber arbeitet er sich im Akkord kaputt, anstatt noch einen weiteren Mitarbeiter neben sich zuzulassen. Eine Kultur der masslosen Bereicherung, um alle sonstige Defizite zu kaschieren.»
Noch vor der Finanzkrise stieg er aus, weil ihm Zweifel an seiner Tätigkeit kamen. Er gönnte sich eine Auszeit, die allerdings von dem genau gleichen rekordsüchtigen Leistungszwang bestimmt wurde. In wenigen Monaten stürmte er 65 Dreitausender und 33 Viertausender auf dem 1800 Kilometer langen Weg von Salzburg nach Nizza. In seinem Buch schildert er nicht nur seine Abenteuer als Berggänger, sondern streut immer wieder seine Alltagserfahrungen als Banker mit ein. Und in ihrem eisigen Höhenrausch sind die beiden Welten kaum zu unterscheiden. Hemmungslos klettert er mit seinem Bergführer über eine stecken gebliebene Seilschaft hinweg oder verweigert einem anderen Kletterer die Hilfe beim Abstieg. Und wenn ihn ehemalige Bankkollegen ein Stück weit begleiten, wird sofort ein erbarmungsloser Wettkampf daraus.
Immerhin beginnt er, immer wieder über sein Verhalten nachzudenken: «Ist etwa auch dies hier eine Welt, in der Schwäche zu zeigen tabu ist? Ganz weit oben durch brutale Disziplin zu überleben – kommt mir irgendwie bekannt vor. Das ist es doch jedenfalls nicht, was ich hier will!»
Rudolf Wötzels enorme Ausdauer und sein Ehrgeiz wären ja an und für sich keine schlechten Eigenschaften. Im Gegenteil. Was liesse sich auf dieser Welt damit bewirken, wenn sie nicht als reiner Selbstzweck zur eigenen Profitmaximierung eingesetzt würden! Mir wurde jedenfalls klar, dass die blindwütige Ideologie des reinen Gewinnstrebens in einer Krise nicht nur eine Menge Geld vernichten kann, sondern unserer Gesellschaft vor allem die Talente und Begabungen von Menschen entzieht, die auf anderen Gebieten dringend gebraucht und sinnvoller eingesetzt würden.
